Allzu oft passiert es nicht, dass es österreichische Banken auf die Coverseiten von Wall Street Journal und Financial Times schaffen. In den letzten drei Jahren war das nur zweimal der Fall.
Vor rund drei Jahren beim Beinahe-Crash der Bawag. Und vor etwa zwei Wochen wegen der Verstrickung heimischer Institute in die Osteuropa-Krise.
Wie dramatisch ist die Situation im Osten wirklich? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Unverbesserliche Optimisten glauben immer noch an eine bloße Abschwächung des Wachstums für ein, zwei Jahre - dann werde, der dort immer noch herrschende große wirtschaftliche Nachholbedarf, den Konjunkturmotor wieder ankurbeln. Pessimisten sehen dagegen die Region bereits im Chaos versinken. Und für den Internationalen Währungsfonds (IWF) ist es schon so gut wie fix, dass die Wirtschaft in CEE und SEE (Central Eastern Europe, South Eastern Europe) heuer erstmals schrumpfen wird.
Wieder andere halten es für überholt, überhaupt noch vom Osten als Region zu sprechen. "Osteuropa als homogener Wirtschaftsraum existiert nicht mehr", meint etwa Gunter Deuber vom Research der Deutschen Bank. Nach seiner Einschätzung werden Slowenien und die Slowakei - die bereits zur Eurozone gehören –, aber auch Polen und Tschechien "den zyklischen globalen Abschwung zwar spüren, aber rasch an einem erneuten Aufschwung partizipieren können". Heute bereits krisengeschüttelte Länder - die baltischen und südosteuropäischen Staaten ebenso wie Ungarn - werden dagegen nicht so bald wieder aufholen. Weshalb es noch Jahrzehnte dauern könne, bis sich die auch innerhalb der EU immer noch klaffenden "Wohlstandslücken" schließen.
Am Rand des Bankrotts
Zu den derzeit größten Sorgenkindern der heimischen Banken gehört ein Nicht-EU-Land, nämlich die Ukraine. Laut Schätzungen der Erste Bank könnte die Wirtschaft dort heuer um acht Prozent schrumpfen. Das Land bewegt sich am Rand des Staatsbankrotts, womit es aber nicht allein dasteht.
Auch Ungarn schrammte haarscharf am Bankrott vorbei und musste eine Milliardenhilfe des IWF in Anspruch nehmen. Allerdings nicht, weil die Wirtschaft dort schon völlig darniederlag, sondern aus strukturellen Gründen. Ungarns Hauptprobleme sind hohe Zahlungsbilanzdefizite, niedrige Sparquoten und eine enorme Verschuldung der privaten Haushalte: Das Konsumwachstum wurde zum Großteil auf Pump finanziert. Ähnliches gilt auch für die meisten anderen betroffenen Länder.
Die Ost-Unternehmen stehen dagegen im Schnitt gar nicht so schlecht da - bis jetzt noch nicht. "Die meisten haben viel weniger Schulden als westliche Firmen", weiß Gregor Nischer, Geschäftsführer von MP Corporate Finance Österreich. Denn Firmenkredite seien im Osten immer schon schwerer zu bekommen gewesen. Das dort übliche Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital betrage etwa 70:30.
Zumindest war das lange Zeit so. Zuletzt ist bei vielen Ost-Firmen der Schuldenberg ganz ohne ihr Zutun massiv angewachsen. Weil sie nämlich vermeintlich "zinsengünstige" Eurofinanzierungen aufgenommen hatten, diese Kredite aber inzwischen - durch den Wertverfall der Landeswährung - immer teurer geworden sind. Vor allem ungarische Firmen sind massiv davon betroffen. Ihre Zukunft hänge jetzt von den Kreditgebern ab, sagt Nischer: „Entweder die Banken nehmen das höhere Kreditrisiko auf ihre Kappe, oder diese Unternehmen kommen arg in die Bredouille."
Würden die Eurokredite fällig gestellt, wäre das für viele Firmen der Ruin. Dabei sei die wirtschaftliche Stimmung im Osten insgesamt noch gar nicht so schlecht: "Es gibt immer noch genug Betriebe, die Optimismus versprühen." Und auch auf passabel gefüllte Auftragsbücher verweisen können, trotz der stark nachlassenden Nachfrage aus dem Westen.
Der Kredithahn ist zu
Wer allerdings jetzt eine Finanzierung braucht, hat schlechte Karten. "Derzeit ist es beinahe unmöglich, in CEE Zugang zu Fremdkapital zu erhalten", sagt Markus Piuk, in Bukarest tätiger Partner der Rechtsanwaltskanzlei Schönherr. Schon bisher habe man sich mit der restriktiven Reservenpolitik der lokalen Notenbanken herumgeschlagen – was sich umgehen ließ, indem die westeuropäische Mutterbank als Kreditgeber auftrat. Jetzt aber stecke die Region in einer echten Kreditklemme, ausgelöst durch fehlende Liquidät der Banken und eine geänderte Kreditpolitik.
Maria Th. Pflügl, Bank- und Finanzrechtsexpertin bei Freshfields Bruckhaus Deringer, bezeichnet den Kreditmarkt in Osteuropa schlicht als trist, will aber – zumindest, soweit heimische Institute involviert sind – keinen grundlegenden Unterschied zu Österreich feststellen: "Echte Blue Chips bekommen da wie dort immer noch einen Kredit, nur sind solche Unternehmen im Osten noch dünner gesät."
Dramatisch sei vor allem das Währungsrisiko, es gebe aber auch Lichtblicke, wie diverse Infrastrukturprogramme, die vor allem der Bauwirtschaft Impulse geben und die Krise vielleicht zum Teil abfangen können. Eine große Welle von Kreditausfällen sei bislang nicht feststellbar, "aber natürlich weiß niemand, was noch kommen wird". Wie es im Osten weitergeht, hängt nicht zuletzt vom Verhalten der internationalen Investoren ab. Ziehen sie im großen Stil Kapital aus den einstigen "Boom-Märkten" ab, macht das alles noch schlimmer.
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März 2009 / Christine Kary
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