Die Marktforscher von Nemertes Research ließen mit ihrer Studie ganz schön aufhorchen. Gemäß ihrer Erhebungen könnte das Internet bereits in zwei Jahren auf eine Geschwindigkeit heruntergebremst sein, die Internetsurfer an Zeiten des Modems erinnern. Nermetes stellte damit erstmals Zahlen für etwas bereit, das andere lieber abstrakt „Verlangsamung“ nennen.
Über die Ursache der Staugefahr sind sich alle einig: die sprunghaft ansteigende Zahl an Video- und Musikdownloads. Tenor: Weil sich alle Welt, legal oder nicht, Spielfilme und TV-Sendungen am Computer ansieht, könnte die Benutzung des Web plötzlich wieder an die Teenagerjahre der Digitalisierung erinnern. Hinzu kommt, dass diese neue Knappheit die Innovation an die Leine legen würde, weil Benutzer, zunehmend genervt vom stockenden Netz, die Finger davon lassen würden.
Wider die Bandbreitenfresser
Tatsächlich hat sich die Benutzung des Internet in den letzten Jahren gründlich geändert. Während Benutzer warten, dass der Kinofilm in High Definition-Auflösung abspielbereit ist, wird rasch eine Nachrichtensendung gestreamt. Im Unternehmensbereich boomen Cloud Computing und Collaboration. "Des einen Breitband ist des anderen Schmalband", formulierte es IDC-Analyst Dan Bieler bei seiner Keynotepräsentation auf der Cebit. Die Datenmenge, die im Internet entsteht, gespeichert und repliziert wird, soll in den nächsten Jahren auf Tausend so genannte Exabyte – tausend Milliarden Gigabyte – steigen.
Eine Entwicklung, die vor Österreich nicht halt macht. Armin Sumesgutner, Leiter der Abteilung Network Planning bei der Telekom Austria (TA), bestätigt das beschleunigte Wachstum: "Wir haben massive Anstiege beim Traffic. Die Zahlen verdoppeln sich innerhalb eines Jahres, während es früher noch 18 Monate waren."
Die Schieflage bringt Infrastrukturprovider und die großen Bandbreitenfresser gegeneinander auf und das Thema "Net Neutrality" – ob jedem Content die gleiche Priorität bei der Beförderung zusteht – ist in aller Munde. Hellhörig machen Zahlen wie jene des US-Mobilfunkers und ISPs AT&T.
Demnach sind fünf Prozent der Internet-Kunden von AT&T für 50 Prozent des Traffic verantwortlich. „Die Zahl der Superuser macht auch bei uns einen einstelligen Prozentwert aus“, pflichtet Sumesgutner bei. Dies seien Benutzer, die am Internet aktiv teilnehmen und zum Beispiel Videos für die Plattform YouTube produzieren, so der Manager.
Strengere Rechnung
Längst nicht geklärt ist, wer das alles bezahlen soll. Dass die junge Generation, die mit dem Internet aufwuchs, von einer Kultur des „alles gratis“ ausgeht, hilft den ISPs freilich nicht. Dass sich diese mit neuen Verrechnungsmodellen tragen, ist demnach nicht weiter verwunderlich. Denkbar wäre es für die Anbieter etwa, Bandbreite als Versorgungsleistung wie Strom und Wasser zu verrechnen oder den Benutzern wieder Downloadlimits aufzuerlegen um den Konsum einzudämmen. Beides dürfte Internetnutzern gar nicht gelegen kommen.
Dass die Web 2.0-Generation so gar nichts bezahlt, ist überdies auch nur die halbe Wahrheit. Wenngleich etwa Facebook seinen Benutzern nichts verrechnet, beteiligt sich das Social Networking-Unternehmen doch selbst, über direkte und indirekte Zahlungen an seine Infrastruktur-Provider, an den Kosten.
Bezahlt wird allerdings nicht genug, so die Ansicht von Experten. Lieber wäre den ISPs da schon eine Art Vorauskasse, ähnlich dem Geschäftsmodell, das Amazon und den Mobilfunker Sprint verbindet. Der Internetbuchhändler zahlt Sprint für jedes verkaufte E-Book eine Gebühr. Der Telko stellt die elektronischen Werke im Anschluss über sein mobiles Netzwerk auf die Engeräte der Amazon-Kunden zu.
Dass vom Kunden für reinen Zugang wieder mehr Geld eingehoben werden kann, sei, so Sumesgutner, zwar „der Wunschtraum der ganzen Branche“. Für Bandbreite alleine würden die Leute aber nicht mehr Geld bezahlen. „Die Kunden sind nicht bereit für das Glas zu zahlen, aber für Wasser“, formuliert es der TA-Manager.
Knappheit am Plan
Tatsächlich sind weder Engpässe im Internet etwas Neues, noch ihre Prognosen. Die Geschwindigkeit beim Surfen unterlag immer wieder Verlangsamungen, etwa als Peer-to-Peer-Netzwerke (P2P) dazu ansetzten, das Web zu erobern. Auch sind bei der Betrachtung von Internetinfrastruktur zwei Nutzergruppen zu unterscheiden: Privat- und Unternehmenskunden. Wo Geschäftskritisches über das Internet transportiert wird, sind zumeist gesonderte Leitungen im Spiel.
Nemertes Research wird vorgeworfen, die Pferde scheu zu machen. Derek Turner etwa, Research Director der Organisation Free Press, ist überzeugt davon, dass die Carrier längst etwas unternommen hätten, wenn eine allgemeine Knappheit bevorstünde. Einige würden zwar tatsächlich über Kapazitätsengpässe klagen, diese seien aber nicht in der Mehrheit.
Nach Ansicht von Nemertes Research hingegen soll die Nachfrage das Angebot innerhalb der nächsten zwei bis vier Jahre überholen. Auch gehen die US-Analysten davon aus, dass die Rezession Auswirkungen auf die Bandbreitennachfrage zeigen wird. Zum einen, weil Infrastrukturunternehmen ihre Projekte verzögern, zum anderen, weil die Leute weniger elektronische Geräte und Dienste rund ums Internet kaufen würden. Die Praxis zeigt allerdings eher, dass Menschen in wirtschaftlich unruhigen Zeiten lieber zuhause bleiben und der Konsum von Videos und damit auch der Traffic steigt.
Die Zunahmen des Internetverkehrs unterscheiden sich auch signifikant nach Weltregionen. So sank laut Erhebung von TeleGeography im letzten Jahr die Nutzung auf internationalen Verbindungen zwischen den USA und Europa sogar. In Nord- und Lateinamerika hingegen überstieg der Traffic die durch den Ausbau neu hinzugewonnene Bandbreite bereits.
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Mai 2009 / Alexandra Riegler
Den gesamten Artikel lesen Sie in der Mai-Ausgabe des pfm-Magazins.
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