Im Jahr 2002 startete der Australier Liam Mulhall einen Aufruf per Mail an Freunde und Bekannte. Inhalt der Botschaft war, ein Marketingkonzept für die Gründung eine Biermarke zu erstellen. Mullhall habe nach erfolgreicher Umsetzung der Idee gesagt: "Das Bier hatte 16.000 Markenbotschafter, bevor es überhaupt zu kaufen war", wie der deutsche Journalist Thomas Ramge in einem Artikel in Brand Eins berichtete.
Die Weisheit der Massen
Der Neologismus Crowdsourcing ist noch weitgehend unbekannt; aber was er ausdrückt, hat genau genommen schon immer existiert. Jeder, der mit Internet zu tun hat, hat zumindest schon einmal Informationen oder Meinungen über bestimmte Produkte eingeholt, etwas kommentiert, vielleicht auch seine Ideen im Web veröffentlicht, an einer Umfrage teilgenommen und Ähnliches. Und genau das beschreibt Crowdsourcing.
Der Begriff wurde im Jahr 2006 von Jeff Howe und Mark Robinson im Wired Magazine geprägt. Gegenstand des Artikels "The Rise of Crowdsourcing" war unter anderem die Geschichte einer Angestellten des National Health Museum in Washington DC, die bei einem Fotografen Fotos zu horrenden Preisen bestellte – vier Stück für 600 US-Dollar. Die Bestellung stornierte sie wenige Wochen später – sie war auf das Online-Archiv iStockPhoto gestoßen, wo sie 56 Photos zu einem Preis von 56 Dollar erwarb. Die Plattform wurde von einer Gruppe von Graphik-Designern gegründet, wo (Amateur-)Fotografen ihre Werke am virtuellen Marktplatz einstellen konnten. Die Auswahl war beträchtlich, der Preis gering.
Herbert Rosenstingl vom Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend erläutert was Crowd-Sourcing auch bedeuten kann: "Dass in Gruppen bzw. sozialen Netzen sehr viel Know-How und Potenzial vorhanden ist, das mittels Web 2.0 nutzbar gemacht werden kann. So wie es Wikipedia, Open-Street-Maps, etc., eben tun." Dabei ginge es nicht nur um Social Networking, wie Robert Lender aus dem Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend, der sich im Zuge seiner Arbeit viel mit der Kommunikation im Web 2.0 beschäftigt, erläutert. "Bei Social Networking geht es eher darum, Beziehungen und Kontakte zu knüpfen. Diese Art der Kommunikation richte sich vorwiegend an Einzelpersonen; beim Crowdsourcing bringt sich jeder Einzelne mit seinen Ideen ein, was dann auch allen zur Verfügung steht."
Crowdsourcing auf Unternehmensebene
Die beiden vorangeführten Beispiele stellen nur eine von zahlreichen Möglichkeiten dar, wie die „Crowd“, also die Menschenmasse, die sich in der virtuellen Welt bewegt, nicht nur gegenseitige Hilfestellung und Informationen austauschen, sondern auch eine Veränderung auf wirtschaftlicher Ebene einleiten kann, die auch ein Umdenken in dieser Hinsicht nötig macht.
Hannes Treichl ist geschäftsführender Gesellschafter von VOdA, selbstständiger Managementberater und Herausgeber von Andersdenken, Österreichs meist verlinktem Business Blog. Als Crowdsourcing-Experte versteht er unter diesem Begriff, dass "für Aufgaben, die bislang in den Unternehmen bearbeitet wurden in Form einer offenen Ausschreibung ‚Freiwillige‘ gesucht werden, die aufgrund unterschiedlichster Anreizsysteme bereit sind, bestimmte Aufgaben zu lösen. Dies kann von Beiträgen zu Finanzierungsvorschlägen, über die Generierung von Ideen, Marketingstrategien, bis zur Content-Produktion reichen."
Was kann Crowdsourcing nun für den Business-Bereich bedeuten? Treichl dazu: "Eine große Chance für mutige Unternehmen die keine Angst vor einem Blick über den Tellerrand haben und bereit sind, Unternehmensprozesse und Markenbildung von Kunden oder anderen Stakeholdern mitgestalten zu lassen." Zudem könne der Begriff einen Zugang zu einer "unerschöpflichen Quelle kreativen Potenzials" bieten. Dennoch müssten sich die Unternehmen der dahinter stehenden möglichen Gefahr bewusst sein, so Treichl. Denn: Je offensichtlicher Einträge oder Bewertungen über Unternehmen werden, umso eher ist dies mit der Gefahr der Rufschädigung verbunden, der Ausnutzung oder gar des Scheiterns des Projektes. "Wer glaubt er hätte jegliche Weisheit im eigenen Haus, liegt verdammt falsch", meint Treichl.
Der Crowdsourcing-Experte rät Unternehmen, den Markt zu beobachten; denn unter Umständen könne Crowdsourcing zu völlig neuen Spielregeln führen. "Das hat sogar Microsoft erkennen müssen, als ein riesiges Heer Freiwilliger kostenlos Arbeitender begonnen hat, Firefox zu entwickeln und dieser mittlerweile bei einem Marktanteil von 20 Prozent (in Europa) liegt."
Die Community ist eben intelligenter als der Einzelne; nicht selten können Probleme auf raschere und kostengünstigere Art gelöst werden, aber auch Content produziert oder Forschung betrieben werden.
Im Zusammenhang mit der Idee der Massen darf natürlich die Qualitätsfrage nicht fehlen. Gerade bei Unternehmen, die auf Ihrer Webseite "Crowdsourcing-Angebote" darbieten, müsse man die Qualität der Gesamtbewertung sehen und diese ist unterschiedlich zu differenzieren, meint, Robert Lender. Spannend für Unternehmen sind Statements von einzelnen Personen, da man sich Anregungen holen oder eben speziell auf Nutzungsbedürfnisse eingehen kann. Gleichzeitig stellt sich auch die Frage nach der Unübersichtlichkeit solcher Systeme. Deshalb müssten auch die Informationen gut strukturiert und angepasst werden, was wiederum die Frage miteinbezieht, wie offen das System sein darf, ist Lender der Ansicht.
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Dezember 2008 / Vera Bauer
Den gesamten Artikel lesen Sie in der Dezember-Ausgabe des pfm-Magazins.
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