Die Sache mit Stromverkauf schlug dem Fass wieder einmal den Boden aus. Doch dieser Punkt schien auch schon einige Monate davor erreicht, als Google seinen Einstieg ins Geschäft mit Domain Name Servern (DNS) ankündigte. Nach einer Stellungnahme des US-Energieregulators FERC kamen Teile der Internetgemeinde schließlich überein, dass das Begehren, Strom zu verkaufen, gar nicht so ungewöhnlich sei. Immerhin habe die FERC dieses Vorrecht auch bereits anderen Stromgroßverbrauchern eingeräumt. Seine DNS-Pläne hatte Google davor mit dem Ziel erklärt, die Surfgeschwindigkeit seiner Benutzer erhöhen zu wollen.
One-Stop-Shopping
Vor einigen Jahren schien alles noch harmlos. Google sprach zwar davon, dass sich in Zukunft alle Welt von Desktop-Systemen abwenden und die Computernutzung weitgehend im Internet stattfinden würde. Aber es war ein bisschen wie bei der Veröffentlichung der Kollaborationssoftware Google Wave, im Herbst vergangenen Jahres: die Idee schien innovativ, aber kaum jemand wusste so recht, was damit anzufangen sei.
Noch bevor sich Daten großflächig ins Web verlegten, bot Google browserbasierte Textverarbeitungslösungen und Tabellenkalkulation an. E-Mails ließen sich zwar auch davor via Browser verschicken, doch Gmail war schnell, mit einem effizienten Spamfilter ausgestattet und einfach zu benutzen. Der wichtigste Punkt: Gleich zu Beginn stellte Google für jeden Gmail-Benutzer zwei Gigabyte an Speicherplatz zur Verfügung, weit mehr als andere Anbieter herausrückten. Und nichts davon kostete etwas.
Google bietet mittlerweile rund 50 verschiedene Dienste an, die meisten davon entgeltfrei. Es gibt einen Webbrowser (Chrome), ein mobiles Betriebssystem (Android) und ein dazu passendes Smartphone (Nexus One). Ein Telefondienst (Voice) existiert ebenso wie eine Chat-Software (Talk) und ein Fotoverwaltungs- und Bearbeitungsprogramm (Picasa) mit Web-Pendant (Picasa Web). Der größte Teil der Erdoberfläche ist digitalisiert auf Google Maps zugänglich, gemeinsam mit einem GPS-fähigen Handy wird daraus ein Navigationssystem, eine dreidimensionale Sicht der Erde liefert Google Earth.
Die neue Währung
Kostenlos bedeutet im Fall des Google-Angebots nicht, dass überhaupt nichts zu bezahlen ist. "Google akzeptiert eine andere Währung: persönliche Informationen", schreibt Lars Reppes-gaard in seinem Buch "Das Google-Imperium". Auf erste Gegenwehr stieß das Unternehmen, als es ankündigte, E-Mail innerhalb von Gmail einer Text-analyse zu unterziehen, um am Seitenrand thematisch passende Werbeschaltungen zu platzieren.
Dass sämtliche Suchanfragen geloggt werden, hat sich bei den meisten Benutzern indes herumgesprochen. Ebenso, dass die IP-Adressen ein dreiviertel Jahr lang gespeichert werden. Hinzu kommt die Verbreitung der Werbeschaltungen via AdSense und über das Statistiktool Analytics. Wer etwa AdSense-Werbung auf seinem Blog platziert, liefert Google damit beispielsweise Informationen über die Anzahl der Site-Besucher und woher diese kommen. Über geschickt gesetzte Cookies entstehen Benutzerprofile, die über einzelne Webseiten hinausgehen.
Während zu Beginn der 2000er-Jahre die Aussicht auf einen sogenannten gläsernen Menschen noch große Besorgnis auslöste, verstummte die Diskussion mit zunehmender Dominanz Googles weitgehend. Erst in den vergangenen beiden Jahren regte sich wieder deutlichere Kritik. Trotz seines unbestrittenen Datenhungers bringen Internetnutzer Google einiges an Vertrauen entgegen. Dies liegt nicht zuletzt an der Unternehmenspolitik, die eine ausgeklügelte Mischung aus Offenheit und Zugeknöpftheit ist. Marktbeobachter argumentieren, dass es Google auf diese Weise gelang, an Einfluss zuzulegen, ohne beim Datensammeln auf nennenswerte Gegenwehr zu stoßen. "Es ist nur die zeitgemäße Form, Kunden an sich zu binden und von all denen, die sich an den eigenen Erfolg hängen, auch noch zu profitieren: Es ist ein Geschäftsmodell des Web 2.0", beschreibt der deutsche Politikwissenschafter Daniel Leisegang das Vorgehen.
Immer schön brav
Mit zunehmender Größe und einem Portfolio, das alles abdeckt, was Internetnutzer verlangen, zieht Google seit längerem die Aufmerksamkeit der Wettbewerbsregulatoren auf sich. Typischer wettbewerbsfeindlicher Praktiken bedient sich Google dabei nicht. So sind die Daten, die Benutzer eingeben oder abspeichern, im Grunde jederzeit migrierbar, da zumeist offene Schnittstellen vorherrschen – ein Thema, für das sich das Unternehmen stark macht. Ebenso schreiben die Kalifornier vorbildlich Best Pratices fest, machen sich für die Open Source-Gemeinde stark – von der sie freilich auch profitieren – und treiben die Internetsicherheit massiv voran.
Google als Ganzes zu „fassen“ scheint dennoch schwieriger, als dies, etwa für Industrieanalysten, sein sollte. Ist das Unternehmen tatsächlich "bloß" eine Kreativschmiede, die dem Motto „Don‘t be evil“ gehorcht und in der Ideen blühen, von denen es manche an die Oberfläche schaffen und andere eben nicht? Ist das Portfolio lediglich eine Ansammlung sanft gelenkter Zufallstreffer oder doch eher minutiöser Plan zur Maximierung der Marktmacht?
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Februar 2010 / Alexandra Riegler
Den gesamten Artikel lesen Sie in der Februar-Ausgabe des pfm-Magazins.
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